Freitag, 1. Mai 2026

Der 1. Mai

Der erste Mai ist ein besonderer Tag in unserer Familie. An diesem Tag wird gefeiert: Mein Vater hat Geburtstag, und das bedeutet meistens, dass das Haus voller Menschen ist. Freunde, Familie, Nachbarn – bei uns war immer etwas los. Zum Glück war es auch dieses Jahr wieder so.

Mein Vater ist ein besonderer Mensch. Nicht, weil er berühmt wäre, sondern weil er zu den Menschen gehört, die von anderen aufrichtig geliebt werden.

Er stammt aus einem kleinen Dorf. Meine Großeltern bauten Gemüse an. Das Leben war einfach, geprägt von harter Arbeit und traditionellen Werten. Mein Vater wollte jedoch immer mehr sehen, mehr erleben. Er träumte von einem anderen Leben, von einer größeren Stadt und neuen Möglichkeiten. Er verließ sehr früh seine Heimat, heiratete und zog eine eine schöne Stadt im Süden um. 

Meine Eltern waren jung, als sie heirateten. Es war ein klassischer Lebensweg unserer Kultur: Der Mann arbeitete, die Frau blieb zu Hause. Meine Mutter war Hausfrau – nicht unbedingt, weil sie es selbst unbedingt wollte, sondern weil es damals bei uns nicht üblich war, dass Frauen arbeiten gingen. Das war kulturell geprägt und für viele Familien selbstverständlich.

Mein Vater war und immer noch  voller Lebensfreude. Er hat diese besondere Fähigkeit, das Leben zu genießen und selbst kleine Dinge groß wirken zu lassen. Er träumt nicht nur, er versucht auch, seine Träume wahr werden zu lassen. Ständig hatte er neue Ideen: Autos, die er umbaute, große Fußballspiele mit Freunden im Stadion, spontane Reisen oder riesige Partys. 

Ich erinnere mich auch an unser erstes Auto. Nichts Besonderes, klein und unscheinbar. Aber als mein Vater damit nach Hause kam, war er so stolz und glücklich, dass diese Freude sofort auf uns überging. Wir durften mitfahren, jubelten auf den Rücksitzen und waren überzeugt, im schnellsten Auto der Welt zu sitzen. Wir schrien: „Papa, schneller!“ – und er lachte nur und gab noch mehr Gas. In solchen Momenten war er selbst wie ein Kind.

Mein Vater beherrscht die Kunst, Kontakte zu knüpfen und Menschen miteinander zu verbinden. Dadurch waren wir überall eingeladen. Ich hatte das Glück, die meisten Veranstaltungen mit einer Einladung besuchen zu dürfen 

Selbst in schweren Zeiten organisierte er große Feiern und brachte die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch zusammen. Bei uns saßen einfache Nachbarn neben angesehenen Beamten oder bekannten Persönlichkeiten der Stadt. Alle lachten zusammen, alle fühlten sich willkommen. Mein Vater hat diese seltene Gabe, Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören.

Später, als es ihm finanziell besser ging, half er vielen Menschen. Oft wussten wir als Familie gar nichts davon, weil er nie damit prahlte. Erst Jahre später erfuhren wir davon. Irgendwo begegnete uns jemand und fragte plötzlich: „Bist du die Tochter von …? Dein Vater hat uns damals geholfen.“ So erfuhren wir nach und nach, dass er Familien unterstützte, Schulen mitfinanzierte oder sogar Krankenhäusern geholfen hat.

Von meinem Vater habe ich und meine Schwester viele Werte gelernt: Freundschaft, Bodenständigkeit, Respekt vor anderen Menschen und die Fähigkeit, das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Er vermittelt diese besondere Einfachheit, ohne dabei selbst einfach zu sein. Gleichzeitig zeigt er uns, dass nichts für immer bleibt und man dankbar für die kleinen Momente im Leben sein sollte.

Er ist ein sehr traditioneller Mann. Ein Mensch mit konservativen Vorstellungen, in denen Männer oft die dominante Rolle einnehmen. Und ich bin diejenige, die genau das immer wieder hinterfragte und dagegen "still" rebellierte. Obwohl ich meinen Vater sehr liebe, ging vor vielen Jahre ich meinen eigenen Weg.

Mein Vater war immer eine Art Sicherheit für uns. Vielleicht nicht immer körperlich präsent, aber emotional war er immer da. Man hat das Gefühl: Solange mein Vater da ist, wird irgendwie alles gut. 

Mein Vater hat auch viel Humor. Wir lachen viel, wenn wir zusammen sind. 

Ich erinnere mich an einen Moment auf dem Markt. Wir waren noch klein. Meine Mutter läuft ein Stück vor uns, plötzlich ruft mein Vater laut ihren Namen. Der ganze Markt dreht sich um. Dann schreit er quer über den Platz: „Liebst du mich?“ Alle Menschen lachen. Meine Mutter schreit zurück: „Ja, sehr!“ Und er grinst zufrieden wie ein kleiner Junge.

Meine Eltern lieben sich. Meine Mutter hat ihm vieles verziehen, und mein Vater liebt sie auf seine Weise ebenfalls – chaotisch, manchmal kompliziert, aber immer ehrlich.

Kurz nach der Corona-Zeit erfuhren wir, dass mein Vater krank ist. Meine Schwester und ich haben lange geweint. Irgendwann kommt  plötzlich diese Angst: die Angst, diese Sicherheit, die mein Vater immer ausstrahlte, zu verlieren. Erst in solchen Momenten versteht man wirklich, wie sehr die eigenen Eltern das Fundament des eigenen Lebens sind. Ich und meine Schwester haben dann beschlossen, nicht mehr zu heulen. Das gehört auch zum Leben. Und mein Vater mag es auch nicht irgendwie bemitleidet  zu werden. Er genießt sein Leben weiter, trifft sich mit Freunden, trinkt Alkohol, raucht und fährt viel Auto. 

Und wir werden selbstverständlich für unsere Eltern da sein, so wie sie immer für uns da waren und sind. 

Eigentlich ist mein Vater ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und gleichzeitig einer dieser seltenen Menschen, die Spuren im Leben anderer hinterlassen.

Mittwoch, 22. April 2026

Wenn Nostalgie vererbt wird

Nostalgie – ein sehr intensives Gefühl. Jeder von uns kennt es, und mindestens einmal im Leben hat man es erlebt. Ich spreche heute jedoch über nostalgisches Heimweh.

Heimweh ist an sich kein schlechtes Gefühl. Es kann etwas Schönes sein, an eigene Heimat oder an eigene Familie oft zu denken. Gleichzeitig kann es aber auch belastend und sogar destruktiv wirken. Besonders betroffen sind Kinder von Migranten.

Ich bin selbst so aufgewachsen. Ich habe es geliebt – und liebe es immer noch –, die Geschichten von früher zu hören. Geschichten meiner Großeltern und meiner Eltern über Orte, aus denen sie kommen, die sie oft lange nicht mehr besucht haben oder vielleicht nie wieder besuchen konnten und die auch ich wahrscheinlich nie sehen werde.

Diese Erzählungen waren für mich sehr lebendig. Ich habe mir alles vorgestellt: die Natur, das Essen, die Menschen, das Leben dort. Teilweise haben wir sogar versucht, gewisse Lebensweisen oder Traditionen beizubehalten.

Kinder nehmen solche Geschichten besonders intensiv auf. Wir wachsen mit Erinnerungen und Erfahrungen auf, die sehr emotional, oft idealisiert und zugleich subjektiv sind. Sie gehören nicht uns direkt, aber sie prägen uns trotzdem stark.

Wenn man noch klein ist und keine eigenen Erfahrungen hat, ist man auf diese Erzählungen angewiesen. So entstehen im Kopf viele Bilder und Vorstellungen, und man fühlt sich automatisch mit diesen Erinnerungen verbunden.

Daraus kann sich ein Gefühl entwickeln, das schwer einzuordnen ist: Man spürt eine Verbindung zu einem Ort oder einer Geschichte, obwohl man selbst nie dort war. Gleichzeitig entsteht manchmal auch das Gefühl, anders zu sein oder zwischen zwei Welten zu stehen.

Man versucht, sich einzuordnen und zu positionieren. Und das ist ein widersprüchliches Gefühl. Einerseits möchte man dazugehören und genauso sein wie alle anderen. Andererseits bleibt dieses Gefühl, nicht vollständig dazuzugehören. Das ist weder gut noch schlecht – es ist einfach eine besondere Erfahrung.

Im Laufe der Zeit verändert sich dieses Gefühl. Bei mir persönlich ist es so, dass ich weniger einen konkreten Ort vermisse, sondern eher eine Zeit oder einen Zustand. Und ich weiß nicht genau, ob das gut oder schlecht ist.

Ich denke, das betrifft viele Kinder von Migranten. Sie wachsen mit der Nostalgie ihrer Eltern und Großeltern auf, sind reich an kulturellem Kontext, müssen sich aber gleichzeitig immer wieder selbst neu positionieren. Sie lernen früh, Unterschiede wahrzunehmen und flexibel damit umzugehen.

Es ist auf seine eigene Weise eine besondere und interessante Erfahrung, ein Kind von Migranten zu sein.


Dienstag, 7. April 2026

Eine wohltuende Auszeit

Ich habe mich auf Ostern vorbereitet – gebacken, kleine Dinge besorgt, alles wie immer verschenkt. Ich habe ein paar Menschen besucht, gelächelt, Gespräche geführt. Und trotzdem war da dieses Gefühl: Ich wollte einfach weg.

Ich hätte Freunde besuchen können, natürlich. Aber selbst das fühlte sich zu viel an. Ich wollte allein sein. Wirklich allein. Ruhe haben – nicht nur um mich herum, sondern auch in mir. Ich glaube, Menschen, die introvertiert sind und ständig von vielen Eindrücken umgeben sind, verstehen dieses Bedürfnis.

Ich war müde. Nicht körperlich, sondern innerlich. Zu viele Gedanken, die sich nicht leise stellen wollten. Und gleichzeitig diese seltsame Leere. Ich wollte nicht weit weg, aber weit genug, um wieder bei mir anzukommen.

Was macht man in so einem Moment? Man geht einfach. Ohne großen Plan. Ich bin zum Bahnhof gegangen, habe auf die Anzeigetafel geschaut – und mich treiben lassen. Ein paar Stunden später war ich an einem anderen Ort. Genau das habe ich gebraucht: Abstand. Keine Stimmen, keine Erwartungen, kein ständiges Erreichbarsein. Nur ich.

So bin ich für zwei Nächte in einem kleinen Spa-Hotel im Schwarzwald gelandet. Es war spontan, vielleicht auch etwas teuer – aber genau richtig. Und obwohl es ein Spa-Hotel war, ging es mir gar nicht um Wellness. Es ging darum, bei mir selbst anzukommen.

Ich habe nichts gemacht. Und genau das war alles. Ich war draußen, viel draußen, in der Natur. Beim Wandern hatte ich nicht einmal das Bedürfnis, Fotos zu machen, etwas zu posten oder mit jemandem zu kommunizieren. Ich war einfach da – still, präsent, ganz bei mir. Langsam wurde es ruhiger in mir.

Auf dem Rückweg habe ich noch meine Freundin in Baden-Baden besucht. Ein Abendessen dort tut immer gut. Wir haben gelacht. Sie kennt mich – sie weiß, dass ich manchmal Abstand brauche. Und so war es wieder in Ordnung.

Jetzt bin ich zurück. Morgen beginnt wieder der Alltag. Aber etwas ist anders – ein kleines Stück mehr bei mir selbst.

Es war ein schönes, langes Wochenende.:)


Sonntag, 15. März 2026

Dienstagabend mit Jarmusch



Es gibt Filmemacher, bei denen man einfach weiß: Das wird ein guter Abend. Kein Zweifel. Kein großes Nachdenken. Man geht einfach hin.

So ging es mir auch, als ich gesehen habe, dass ein neuer Film von Jim Jarmusch im Kino läuft.

Ein paar Nachrichten verschickt, ein paar Menschen gefragt, für die dieser Name auch etwas bedeutet. Und so saßen wir am Dienstagabend im Kino. Erst zu zweit, dann zu dritt, dann zu viert – und wie das oft bei solchen Abenden ist, kamen spontan noch ein paar Leute dazu. Im Kino selbst haben wir natürlich auch noch ein paar Bekannte getroffen.

Ich persönlich mag kein Popcorn im Kino. Die anderen schon. Sie haben es sich gemütlich gemacht: Popcorn, Getränke – und tatsächlich sogar Wein.

Der Saal war halb leer. Eine angenehme Leere. Man sitzt zusammen und hat trotzdem Raum für sich.

Und dann begann der Film: Father Mother Sister Brother.

Drei kleine Geschichten über drei Familien. Drei Länder. Drei verschiedene Lebensrealitäten. Und doch geht es immer um das Gleiche: um Nähe, um Distanz, um das, was Menschen miteinander verbindet – und manchmal auch voneinander trennt.

Ganz typisch für Jarmusch: ruhig erzählt, mit langen Blicken, kleinen Gesten und Momenten, in denen scheinbar nichts passiert – und doch alles gesagt wird. Keine großen Dramen, keine lauten Effekte. Nur Menschen. Beziehungen. Leben.

Einfach, menschlich, still – und gerade deshalb so nah an der Realität. Ich habe den Film genossen. 

Aber eigentlich endete der Abend nicht mit dem Film.

Neben dem Kino gibt es ein kleines Café. Es gehört einer Bekannten. Ein Ort, an dem immer jemand sitzt, den man kennt – oder jemanden kennenlernt.

Das Café war voll. Trotzdem haben wir noch einen Tisch gefunden.

Und da saßen wir dann: ein paar alte Bekannte, ein paar neue Gesichter:  Künstlerinnen, die gerade ihre Ausstellungen vorbereiten und darüber auch erzählten. Menschen, die diskutieren, lachen, erzählen.

Wir waren laut. Wir waren fröhlich. Und wir waren uns einig: Der Film war schön. Einer von diesen Filmen, die etwas mit der Stimmung machen. Nicht spektakulär – aber irgendwie wohltuend.

Am Nebentisch wurde noch über einzelne Szenen diskutiert. Über Beziehungen. Über das, was im Film nur angedeutet wird.

Ich habe zugehört, gelächelt und meinen Tee getrunken. Und gedacht:

Manchmal ist es genau das – ein Film, ein paar Menschen, ein volles Café – was einen Abend besonders macht.

Und ja, solche Abende bleiben in Erinnerung. Es war schön. 

Sonntag, 1. März 2026

Februar_Inspirationen des Monats


Heute ist der erste Tag des Frühlings – und ich merke, wie sehr ich darauf gewartet habe. Je älter ich werde, desto größer wird meine Sehnsucht nach Licht, Wärme und diesem Gefühl von Neubeginn.

Ich versuche zwar, jeder Jahreszeit etwas Schönes abzugewinnen – aber wenn ich ehrlich bin, war der Februar für mich vor allem kalt, grau und faul. Es war ein Monat des Rückzugs. Viel Arbeit am Laptop, viel Nachdenken, viel Planen im Hintergrund. Nicht besonders spektakulär, aber vielleicht genau deshalb wichtig.

Reisen

Viel unterwegs war ich nicht. Eher kleine Wochenendtrips – und genau diese mag ich inzwischen besonders gern. Kurz rauskommen, durchatmen, Abstand gewinnen.

Ein Wochenende ging es nach Zürich. Diese Stadt hat für mich etwas Beruhigendes. Sie ist elegant, klar, fast unaufgeregt – und genau das tut mir gut. 

An einem Abend  in der Jules Verne Panoramabar zu sitzen, über den Dächern der Stadt, mit einem Cocktail in der Hand und diesem Blick über die Lichter – das sind Momente, in denen ich einfach still werde. Das ist schon wie eine Tradition geworden. 

Und natürlich ein Besuch bei Sprüngli am Paradeplatz. Ein Tee, ein Stück Kuchen, ein bisschen Zeit. Es sind keine großen Ereignisse – aber genau diese kleinen Rituale machen einen Aufenthalt für mich besonders.

Ich besuchte noch in Winterthur meine beste Freundin. Es war auch ein schöner Abend mit viel Lachen und Erinnerungen. 

Kunst & Kultur

Im Kino habe ich „Extrawurst“ gesehen. Eine deutsche Komödie, leicht erzählt – und trotzdem ziemlich treffend. Ich musste viel lachen, manchmal auch ein bisschen über uns alle. Über Diskussionen, die sich im Kreis drehen, über Empfindlichkeiten, über gesellschaftliche Absurditäten. Es tat gut, das Thema einmal humorvoll zu betrachten.

Sehr bewegt hat mich ein Vorleseabend mit Gedichten von Mascha Kaléko und Erich Kästner. Ich kannte viele Texte bereits – aber sie noch einmal laut zu hören, in einem Raum voller Menschen, war etwas anderes. Ihre Worte sind fein, klug und manchmal schmerzhaft klar. Und erschreckend aktuell. Das hat mich mehr getroffen, als ich erwartet hatte.

Wandern

Trotz Kälte war ich am Mummelsee wandern. Winterlandschaften haben für mich etwas Ehrliches. Keine Ablenkung durch Farben oder Blüten – nur klare Luft, Stille und das Knirschen des Schnees unter den Schuhen.

Diese Einfachheit hat etwas Beruhigendes. Fast Meditatives.

Bücher

Mein Buch im Februar war Dark Matter von  Blake Crouch. 

Science-Fiction ist eigentlich nicht mein Genre. Normalerweise greife ich nicht zu solchen Geschichten. Aber auf Empfehlung habe ich dem Buch eine Chance gegeben – und wurde überrascht.

Es geht um Entscheidungen, verpasste Wege, alternative Lebensentwürfe. Um die Frage, wer wir wären, wenn wir uns anders entschieden hätten. Das hat mich mehr beschäftigt, als ich dachte.

Vielleicht gerade, weil ich selbst viel plane und über „Was wäre wenn?“ nachdenke.

Das war mein Februar.

Kein lauter Monat. Aber einer mit kleinen Momenten, die gutgetan haben.

Und auch wenn die Weltlage gerade vieles schwer wirken lässt, versuche ich bewusst, diese kleinen Lichtblicke wahrzunehmen. Ein Gespräch. Ein Gedicht. Ein Spaziergang. Ein Stück Kuchen mit Blick über eine Stadt.

Manchmal reicht das schon.

Ich wünsche euch einen helleren März. 

Dienstag, 17. Februar 2026

Alles Liebe, Mama

Heute hat meine Mama Geburtstag.

Und ich wollte unbedingt etwas schreiben.

Ich gehöre zu den Menschen, denen es nicht leichtfällt, Liebe in Worte zu fassen. Ich zeige sie anders. Heute habe ich angerufen. Die Blumen sind schon bestellt. Aber trotzdem hatte ich das Bedürfnis, ein paar Gedanken aufzuschreiben.

Natürlich ist jede Mutter für ihr Kind etwas Besonderes. So soll es auch sein.

Meine Mutter war sehr jung. Mit 18 hat sie zufällig meinen Vater kennengelernt – es war Liebe auf den ersten Blick. Hochzeit. Ein neues Leben. Ein anderes Land. Als sie 19 war  kam ich auf die Welt.

Und so waren wir zwei – meine Mutter und ich – in einem Land, das für sie fremd war. Mein Vater versuchte zunächst in einer anderen großen Stadt sein Glück, später kamen wir nach. Fünf Jahre lang lebten wir in gemieteten Wohnungen. Ein Koffer, nicht viele Dinge – aber viel Hoffnung.

Die Beziehung zu meinem Vater?
Alles andere als einfach. Aber die Liebe war stärker. Sie ist es bis heute. Sie sind immer noch zusammen. Sie haben sich gemeinsam etwas aufgebaut. Und meine Mutter war und ist immer für ihn da. Und für uns sowieso.

Wir haben gute und schwere Zeiten erlebt. Finanziell war es nicht immer leicht. Aber sie hat nie gejammert. Nie.
Sie war auf uns fokussiert – manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu sehr.

Sie ist ein einfacher Mensch. Manchmal naiv. Aber gleichzeitig souverän. Sie vergleicht sich mit niemandem. Und manchmal beneide ich sie um genau dieses Gefühl.
Sie ist orientalisch geprägt. Zu Hause bei uns ist sie stark und präsent, draußen kann sie noch immer schüchtern sein. Und selbst als mein Vater gesellschaftlich bekannter wurde, ist sie geblieben, wie sie ist: einfach und bodenständig.

Was sie ausmacht, ist diese hundertprozentige Liebe – ohne Wenn und Aber.
Und ihre Ehrlichkeit. Sie hat nie etwas vorgespielt. Nie mit unseren Gefühlen gespielt.

Natürlich übertreibt sie manchmal mit ihrer Fürsorge und vergisst, dass wir längst erwachsen sind. Aber vielleicht ist genau das die Mutterliebe.

Sie war Hausfrau, weil mein Vater nicht wollte, dass sie arbeitet. Sie hat das akzeptiert.
Aber ich glaube, tief in ihrem Inneren gab es immer diesen Wunsch nach Freiheit. Und genau das habe ich von ihr geerbt.

Meine erste Reise nach Paris verdanke ich ihr. Sie hat mich ziehen lassen. Und sie hat nie ein schlechtes Gewissen in mir erzeugt, als ich meinen eigenen Weg gegangen bin – auch wenn ich weiß, dass sie mich immer noch vermisst und auf mich wartet. 

Empathie. Intuition. Geduld.
Das sind ihre größten Stärken.

Sie kennt uns, ohne dass wir viel erklären müssen. Ihre Intuition ist stark – manchmal fast beängstigend stark. Und ich glaube, auch das habe ich von ihr.

Was ich an meiner Mutter besonders schätze – und was ich von ihr übernommen habe – sind Empathie und Kompromissbereitschaft.

Ich war in der Familie oft diejenige, die unzufrieden war, die sich beschwert hat. Meine Mutter war dann ernst zu mir. Sie sagte immer: „Sei froh. Sei zufrieden mit dem, was du hast. Andere haben das nicht.“ Damals wollte ich das nicht hören. Heute verstehe ich es.

Und wir durften ihr immer alles sagen. Wirklich alles. Mussten wir aber nicht. 

Manchmal machen wir Witze und sagen: „Du weißt doch sowieso alles.“
Und sie lächelt – weil es stimmt.

Sie versteht kein Deutsch. Und diesen Text wird sie nie lesen.
Aber ich wollte ihn trotzdem schreiben.

Danke, Mama.
Ich liebe dich.




P.S. Eigentlich war ich kein Sorgenkind. Aber meine Mutter hat mich paar mal verloren und erzählt das immer wieder.  

  1. Als ich zwei oder drei Jahre alt war, wurde ich von zwei Personen auf dem Markt entführt. Zum Glück hat die Polizei mich gefunden. Ich kann vorstellen, was sie in diesen Stunden gefühlt hat.

  2. Mit fünf bin ich weggelaufen. Wir waren in der Stadtmitte und plötzlich stand ich alleine. Ich dachte, meine Mutti sei weggegangen und ich musste etwas unternehmen. Also bin ich allein einen langen Weg zum Onkel meines Vaters gegangen. Währenddessen hat sie mich verzweifelt mit der Polizei gesucht. 

  3. In meiner ersten Schulwoche kam ich an einem Tag nicht nach Hause. Ich war auf einem Spielplatz und wollte einfach spielen. Sie hat mich weit entfernt von unserem Haus gefunden.

  4. Liebe Mama, ich komme zurück, mach dir keine Sorgen:) 



 


Donnerstag, 12. Februar 2026

Die Kraft der leisen Begegnungen

Nach etwa einem Monat bei meinen Eltern bin ich wieder zurück in Deutschland. Heute war ich mit einer Bekannten frühstücken. Ein langes, spontanes Frühstück, ein kleiner Austausch – und viele Gedanken danach.

Inzwischen kenne ich ziemlich viele Menschen in meiner Stadt. Ich bekomme oft Einladungen zum Essen oder einfach auf einen Kaffee. Über ein Jahr verteilt kommen da zum Glück viele Treffen zusammen. Manchmal mache ich scherzhaft den Witz, dass die Leute vielleicht denken, ich hätte nicht genug zu essen, weil sie so oft mit mir essen gehen wollen. Natürlich ist das Spaß. Aber es ist schön, eingeladen zu werden.

Manchmal helfe ich anderen, ohne es bewusst zu merken. Oft habe ich schon gehört: „Weißt du noch, was du damals gesagt hast? Das hat mir wirklich geholfen.“ Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht an alle Gespräche so genau. Aber anscheinend bleiben Worte manchmal länger bei anderen als bei einem selbst.

Es gibt Treffen, die neue Ideen oder Gedanken bringen. Ich treffe mich nur, wenn ich es wirklich möchte. Ohne Erwartungen. Ohne Neid. Ohne etwas von der anderen Person zu wollen. Und ich glaube, genau das macht den Unterschied. Menschen spüren das. Vielleicht verbringen sie deshalb gern Zeit mit mir.

Ich bin nicht besonders extrovertiert. Große Gesellschaften liegen mir nicht. Aber ich liebe diese spontanen Treffen. Daraus entstehen oft regelmäßige Begegnungen. Neue Menschen kommen dazu. Ich selbst bin selten die Initiatorin – ich werde eingeladen. Das berührt mich sehr. 

Ich glaube, viele Menschen sehnen sich nach echten Gesprächen, nach Nähe, nach Ruhe. In unserem stressigen Alltag ist das selten geworden. Manche sagen, ich strahle Ruhe aus. Vielleicht. Auch wenn es in mir nicht immer ganz so ruhig ist. Ich gehöre zu den Menschen, die ihren inneren Zustand selten zeigen – nur denen, denen sie wirklich vertrauen. Vielleicht, weil ich Jammern nicht besonders mag.

Wenn ich merke, dass ich Abstand brauche, ziehe ich mich zurück. Ich brauche Zeit und Ruhe, um meine Gedanken zu sortieren. Danach bin ich wieder da – für mich und für andere. Vielleicht ist das mein Charakter. Vielleicht auch berufsbedingt.

Wie ich selbst von diesen Treffen profitiere? Ich tanke Energie. Ich liebe es, Menschen zu begegnen und mich auszutauschen. Das war schon immer so.

Was ich mit diesem Text sagen will? Schenkt euch Zeit.
Manchmal kann ein kleines Gespräch mehr bewirken, als wir denken. Vielleicht rettet es sogar jemanden.

Und das fühlt sich richtig schön an. ✨


Der 1. Mai

Der erste Mai ist ein besonderer Tag in unserer Familie. An diesem Tag wird gefeiert: Mein Vater hat Geburtstag, und das bedeutet meistens, ...