Montag, 22. Juni 2026

Jobs, die ich während meines Studiums in Deutschland gemacht habe


Wenn man in ein neues Land kommt, führt der Weg zum Traumberuf meistens nicht direkt ans Ziel. Natürlich gibt es viele verschiedene Wege, und wahrscheinlich hätte ich manches auch abkürzen können. Ein Anruf nach Hause hätte gereicht, und finanzielle Unterstützung wäre da gewesen. Aber ich bin wegen meiner Freiheit nach Deutschland gekommen. Ich wollte mir selbst – und wahrscheinlich der ganzen Welt – beweisen, dass ich alleine etwas erreichen kann.

Besonders reizvoll fand ich die Freiheit, mich unabhängig bewegen und Entscheidungen treffen zu können, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.

Bereits in meiner zweiten Woche in Deutschland habe ich angefangen zu arbeiten. Während des gesamten Studiums haben wir nebenbei gearbeitet. Unser Vorteil? Wir waren jung, hatten viel Ausdauer und wussten bei jeder Tätigkeit, dass sie irgendwann wieder vorbei sein würde.

Ich werde nicht alle Jobs aufzählen, sondern nur einige, an die ich mich besonders gut erinnere.

1. Straßenfeste

Das war überhaupt mein erster Job. Ich wurde als Getränkeverkäuferin eingestellt. Da ich aber den Dialekt überhaupt nicht verstand und die Realien des , konnte ich viele der Getränke, die ich verkaufen sollte, nicht einmal benennen. Nach etwa einer Stunde stand ich deshalb schon in der Küche und spülte Geschirr.

2. Gastronomie

Wie viele Studierende habe auch ich in der Gastronomie gearbeitet. Allerdings wollte und konnte ich nie als Bedienung arbeiten. Ich war nicht freundlich genug für diesen Job, und Kopfrechnen gehörte noch nie zu meinen Stärken. Deshalb habe ich fast immer in der Küche oder hinter der Bar ausgeholfen.

An kuriose Situationen erinnere ich mich bis heute. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich angeschrien. Zunächst verstand ich nicht einmal, dass ich gemeint war. Mein Chef regte sich darüber auf, dass ich zu viel Sahne auf die Teller verteilt hatte. Als ich schließlich begriff, dass er mit mir sprach, bin ich einfach gegangen.

Ein anderes Mal wurde ich schlechter bezahlt als vereinbart. Ich habe mich zwar mit dem Arbeitgeber gestritten, zu Hause aber trotzdem geweint.

3. Versandhaus

Dort haben wir Kleidung sortiert, im Lager gearbeitet und Bestellungen vorbereitet.

Einmal habe ich verschlafen. Da ich sehr pflichtbewusst war und mir keine andere Lösung einfiel, bin ich mit dem Taxi zur Arbeit gefahren. Ich kam pünktlich an, aber ich glaube, selbst die Chefs des Versandhauses fuhren nur selten mit dem Taxi zur Arbeit. Entsprechend erstaunt wurde ich angeschaut.

4. Deutsche Post

Bei der Deutschen Post habe ich Nachtschichten gearbeitet. Um acht Uhr morgens saß ich entweder bereits in einer Vorlesung oder begann meinen zweiten Job.

Wir sortierten Briefe, bedienten riesige Maschinen und ordneten die Sendungen nach Postleitzahlen. Gegen fünf Uhr morgens durfte man sich hinsetzen und die Briefe manuell sortieren.

Vor Müdigkeit haben wir entweder gelacht oder sind direkt am Arbeitsplatz eingeschlafen.

5. Nachbarschaftshilfe

Diese Tätigkeit habe ich nur für eine begrenzte Zeit ausgeübt, meist an Wochenenden.

Vor oder nach der Pflege bereitete ich den Menschen Frühstück zu, unterhielt mich mit ihnen und half bei kleinen Alltagsaufgaben. Vor jedem Einsatz wusste ich nie, zu wem ich geschickt werden würde. Die Arbeit erforderte enorme Flexibilität, Ausdauer und Freundlichkeit.

Eine ältere Dame mochte mich besonders gern und bat immer wieder darum, dass ich zu ihr komme. Sie war klein, sehr dünn, hochintelligent und vom Leben gezeichnet.

Ich bereitete ihr das Frühstück zu, und anschließend saßen wir oft draußen in ihrem großen Garten und unterhielten uns über Kunst. An diese Gespräche erinnere ich mich bis heute.

6. Nachhilfeunterricht

Ich habe Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Fächern unterstützt. Dabei habe ich gelernt, dass Geduld oft wichtiger ist als Fachwissen. Es war schön zu sehen, wie Kinder Fortschritte machten und mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickelten.

7. Putzen

Auch als Reinigungskraft habe ich gearbeitet.

Das Besondere war, dass ich in vielen Wohnungen eines Wohngebiets tätig war. Manchmal arbeitete ich sogar bei Nachbarn, ohne dass diese voneinander wussten. Viele dieser Menschen sind inzwischen verstorben, mit einigen wenigen bin ich bis heute in Kontakt.

Besonders gut erinnere ich mich an eine Frau, die unglaublich elegant und kultiviert war. Ich war alle zwei Wochen etwa fünf Stunden bei ihr. Sie deckte mir immer den Tisch, backte Kuchen, und wir verbrachten oft fast eine Stunde damit, uns zu unterhalten.

Als ich mein Studium beendet hatte, beendete ich auch all diese Tätigkeiten und begann, mich beruflich weiterzuentwickeln.

Heute denke ich manchmal, dass man sich diesen Weg vielleicht hätte leichter machen können. Damals schien er mir jedoch der einzige Weg zu sein, unabhängig zu sein.

Ich war immer flexibel, habe Menschen respektiert und wollte ständig etwas Neues lernen und erleben.

Rückblickend war es eine anstrengende, aber auch unglaublich interessante Zeit. :)


Freitag, 19. Juni 2026

Vier Tage in Dijon (Frankreich im Sommer 2026)


Ich habe mir vorgenommen, diesen Sommer Frankreich etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Irgendwie kenne ich das Land noch nicht so gut, obwohl es direkt vor der Haustür liegt. Also habe ich spontan vier Tage in Dijon verbracht – ohne großen Plan, ohne feste Liste von Sehenswürdigkeiten, einfach mit Neugier und Appetit.

Das Wetter in Dijon war angenehm, warm, aber nicht zu heiß. Ich bin unter der Woche gereist und war damit mitten im normalen Leben der Stadt. Genau das mag ich: nicht nur die touristische Kulisse zu sehen, sondern den Alltag zu spüren. Morgens die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, die belebten Plätze zur Mittagszeit und die entspannte Stimmung am Abend.

Ich war ehrlich gesagt sehr positiv überrascht. Dijon hat eine angenehme Größe, wirkt lebendig und gleichzeitig entspannt. Da ich keinen ausgearbeiteten Plan hatte, bin ich einfach losgezogen – wie ein hungriger Tourist, der sich treiben lässt. Mal durch kleine Gassen, mal über Märkte, mal auf der Suche nach dem nächsten Café.

Und natürlich gehört für mich zu jeder Reise mindestens ein Besuch in einer Pâtisserie. In Dijon war das keine Ausnahme. Der Duft von frischem Gebäck, knusprigen Croissants und feinen Törtchen gehört für mich einfach zu Frankreich. Sich morgens ein Gebäck zu holen und dazu einen Tee zu trinken, ist oft schon ein kleines Reisehighlight.

Kulinarisch durfte natürlich auch die traditionelle burgundische Küche nicht fehlen. Wer nach Dijon reist, kommt an den Klassikern der Region kaum vorbei. Kräftige Schmorgerichte, regionale Spezialitäten und natürlich der berühmte Senf gehören einfach dazu. Für mich war das ein Muss – und einer der Gründe, warum ich Frankreich künftig noch intensiver entdecken möchte.

Vier Tage sind nicht viel, aber genug, um Lust auf mehr zu bekommen. Dijon war für mich ein gelungener Einstieg in meinen Frankreich-Sommer 2026. Und wenn die nächsten Ziele ähnlich positiv überraschen, dann wird das ein sehr genussvoller Sommer.

Sonntag, 31. Mai 2026

Mai_ Insipirationen des Monats


Der Mai war bei mir irgendwie politisch geprägt. Nicht, weil ich gezielt Nachrichten verfolge – das tue ich eher selten –, sondern weil sich die Themen in den Büchern, Filmen und Gesprächen, die mich diesen Monat begleitet haben, immer wieder um Macht, Gesellschaft und Veränderung drehten.

Hier sind einige Inspirationen und Entdeckungen des Monats:

Film

"La Grazia" von Paolo Sorrentino

Gesehen im Original mit deutschen Untertiteln. Der Film zeigt auf sehr menschliche Weise, wie belastend Verantwortung und Macht sein können. Im Mittelpunkt steht ein erfahrener Politiker, der von seiner Rolle müde geworden ist. Muss aber  seine letzte politische Entscheidungen treffen. Ein ruhiger, nachdenklicher Film, der viele Fragen offenlässt und gerade deshalb lange nachwirkt.

Empfehlung: Für alle, die politische Geschichten mögen, die weniger von Politik als von Menschen erzählen.

Buch

"Die Stunde der Raubtiere" von Giuliano da Empoli

Ein kluges und provozierendes Buch über Macht und die politischen Entwicklungen unserer Zeit. Nicht allen Gedanken würde ich zustimmen, aber genau das macht die Lektüre spannend.

Empfehlung: Ein lesenswertes Buch für alle, die aktuelle politische Entwicklungen besser verstehen möchten. Die vielen Verweise auf historische Persönlichkeiten und Ereignisse regen dazu an, selbst weiter zu recherchieren und Zusammenhänge neu zu betrachten.

Wanderungen

Armenien

Ich war eine Woche in Armenien unterwegs. Das Land befindet sich in einer Zeit großer politischer Veränderungen, die man besonders in Jerewan spürt. Mich zog es allerdings vor allem in die Natur.

Die armenischen Landschaften haben für mich etwas sehr Spirituelles. Besonders schön waren die Täler und die Wiesen voller Mohnblüten – wie in meiner Kindheit. Das weckte viele nostalgische Gefühle. Der Besuch des Tatev-Kloster war ein weiterer Höhepunkt der Reise.

Mosel

Endlich habe ich die Mosel besucht. Weinberge, Flussschleifen und kleine Dörfer machen die Region zu einem wunderbaren Ziel für Wanderungen und kurze Auszeiten.

Empfehlung: Für alle, die Natur, Weinlandschaften und Ruhe suchen.

Kulinarisches

Basho-An in Freiburg

Authentische japanische Küche, sehr frisch und hochwertig. Eine klare Empfehlung für alle, die japanisches Essen mögen.

Tosca do Jose in Karlsruhe

Besonders der Oktopus-Salat hat mir sehr gut gefallen. Dazu gibt es viele leckere Gerichte zum Teilen.

Yasaman am Sewansee

Direkt am See gelegen, mit wunderschönem Ausblick und ausgezeichnetem regionalem Fisch.

Empfehlung: Der perfekte Ort für eine entspannte Mittagspause nach einem Ausflug an den Sewansee.

Das war es für diesen Monat. Ich freue mich auf den Juni und auf den Sommer 2026! 


Freitag, 1. Mai 2026

Der 1. Mai

Der erste Mai ist ein besonderer Tag in unserer Familie. An diesem Tag wird gefeiert: Mein Vater hat Geburtstag, und das bedeutet meistens, dass das Haus voller Menschen ist. Freunde, Familie, Nachbarn – bei uns war immer etwas los. Zum Glück war es auch dieses Jahr wieder so.

Mein Vater ist ein besonderer Mensch. Nicht, weil er berühmt wäre, sondern weil er zu den Menschen gehört, die von anderen aufrichtig geliebt werden.

Er stammt aus einem kleinen Dorf. Meine Großeltern bauten Gemüse an. Das Leben war einfach, geprägt von harter Arbeit und traditionellen Werten. Mein Vater wollte jedoch immer mehr sehen, mehr erleben. Er träumte von einem anderen Leben, von einer größeren Stadt und neuen Möglichkeiten. Er verließ sehr früh seine Heimat, heiratete und zog eine eine schöne Stadt im Süden um. 

Meine Eltern waren jung, als sie heirateten. Es war ein klassischer Lebensweg unserer Kultur: Der Mann arbeitete, die Frau blieb zu Hause. Meine Mutter war Hausfrau – nicht unbedingt, weil sie es selbst unbedingt wollte, sondern weil es damals bei uns nicht üblich war, dass Frauen arbeiten gingen. Das war kulturell geprägt und für viele Familien selbstverständlich.

Mein Vater war und immer noch  voller Lebensfreude. Er hat diese besondere Fähigkeit, das Leben zu genießen und selbst kleine Dinge groß wirken zu lassen. Er träumt nicht nur, er versucht auch, seine Träume wahr werden zu lassen. Ständig hatte er neue Ideen: Autos, die er umbaute, große Fußballspiele mit Freunden im Stadion, spontane Reisen oder riesige Partys. 

Ich erinnere mich auch an unser erstes Auto. Nichts Besonderes, klein und unscheinbar. Aber als mein Vater damit nach Hause kam, war er so stolz und glücklich, dass diese Freude sofort auf uns überging. Wir durften mitfahren, jubelten auf den Rücksitzen und waren überzeugt, im schnellsten Auto der Welt zu sitzen. Wir schrien: „Papa, schneller!“ – und er lachte nur und gab noch mehr Gas. In solchen Momenten war er selbst wie ein Kind.

Mein Vater beherrscht die Kunst, Kontakte zu knüpfen und Menschen miteinander zu verbinden. Dadurch waren wir überall eingeladen. Ich hatte das Glück, die meisten Veranstaltungen mit einer Einladung besuchen zu dürfen 

Selbst in schweren Zeiten organisierte er große Feiern und brachte die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch zusammen. Bei uns saßen einfache Nachbarn neben angesehenen Beamten oder bekannten Persönlichkeiten der Stadt. Alle lachten zusammen, alle fühlten sich willkommen. Mein Vater hat diese seltene Gabe, Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören.

Später, als es ihm finanziell besser ging, half er vielen Menschen. Oft wussten wir als Familie gar nichts davon, weil er nie damit prahlte. Erst Jahre später erfuhren wir davon. Irgendwo begegnete uns jemand und fragte plötzlich: „Bist du die Tochter von …? Dein Vater hat uns damals geholfen.“ So erfuhren wir nach und nach, dass er Familien unterstützte, Schulen mitfinanzierte oder sogar Krankenhäusern geholfen hat.

Von meinem Vater habe ich und meine Schwester viele Werte gelernt: Freundschaft, Bodenständigkeit, Respekt vor anderen Menschen und die Fähigkeit, das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Er vermittelt diese besondere Einfachheit, ohne dabei selbst einfach zu sein. Gleichzeitig zeigt er uns, dass nichts für immer bleibt und man dankbar für die kleinen Momente im Leben sein sollte.

Er ist ein sehr traditioneller Mann. Ein Mensch mit konservativen Vorstellungen, in denen Männer oft die dominante Rolle einnehmen. Und ich bin diejenige, die genau das immer wieder hinterfragte und dagegen "still" rebellierte. Obwohl ich meinen Vater sehr liebe, ging vor vielen Jahre ich meinen eigenen Weg.

Mein Vater war immer eine Art Sicherheit für uns. Vielleicht nicht immer körperlich präsent, aber emotional war er immer da. Man hat das Gefühl: Solange mein Vater da ist, wird irgendwie alles gut. 

Mein Vater hat auch viel Humor. Wir lachen viel, wenn wir zusammen sind. 

Ich erinnere mich an einen Moment auf dem Markt. Wir waren noch klein. Meine Mutter läuft ein Stück vor uns, plötzlich ruft mein Vater laut ihren Namen. Der ganze Markt dreht sich um. Dann schreit er quer über den Platz: „Liebst du mich?“ Alle Menschen lachen. Meine Mutter schreit zurück: „Ja, sehr!“ Und er grinst zufrieden wie ein kleiner Junge.

Meine Eltern lieben sich. Meine Mutter hat ihm vieles verziehen, und mein Vater liebt sie auf seine Weise ebenfalls – chaotisch, manchmal kompliziert, aber immer ehrlich.

Kurz nach der Corona-Zeit erfuhren wir, dass mein Vater krank ist. Meine Schwester und ich haben lange geweint. Irgendwann kommt  plötzlich diese Angst: die Angst, diese Sicherheit, die mein Vater immer ausstrahlte, zu verlieren. Erst in solchen Momenten versteht man wirklich, wie sehr die eigenen Eltern das Fundament des eigenen Lebens sind. Ich und meine Schwester haben dann beschlossen, nicht mehr zu heulen. Das gehört auch zum Leben. Und mein Vater mag es auch nicht irgendwie bemitleidet  zu werden. Er genießt sein Leben weiter, trifft sich mit Freunden, trinkt Alkohol, raucht und fährt viel Auto. 

Und wir werden selbstverständlich für unsere Eltern da sein, so wie sie immer für uns da waren und sind. 

Eigentlich ist mein Vater ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und gleichzeitig einer dieser seltenen Menschen, die Spuren im Leben anderer hinterlassen.

Mittwoch, 22. April 2026

Wenn Nostalgie vererbt wird

Nostalgie – ein sehr intensives Gefühl. Jeder von uns kennt es, und mindestens einmal im Leben hat man es erlebt. Ich spreche heute jedoch über nostalgisches Heimweh.

Heimweh ist an sich kein schlechtes Gefühl. Es kann etwas Schönes sein, an eigene Heimat oder an eigene Familie oft zu denken. Gleichzeitig kann es aber auch belastend und sogar destruktiv wirken. Besonders betroffen sind Kinder von Migranten.

Ich bin selbst so aufgewachsen. Ich habe es geliebt – und liebe es immer noch –, die Geschichten von früher zu hören. Geschichten meiner Großeltern und meiner Eltern über Orte, aus denen sie kommen, die sie oft lange nicht mehr besucht haben oder vielleicht nie wieder besuchen konnten und die auch ich wahrscheinlich nie sehen werde.

Diese Erzählungen waren für mich sehr lebendig. Ich habe mir alles vorgestellt: die Natur, das Essen, die Menschen, das Leben dort. Teilweise haben wir sogar versucht, gewisse Lebensweisen oder Traditionen beizubehalten.

Kinder nehmen solche Geschichten besonders intensiv auf. Wir wachsen mit Erinnerungen und Erfahrungen auf, die sehr emotional, oft idealisiert und zugleich subjektiv sind. Sie gehören nicht uns direkt, aber sie prägen uns trotzdem stark.

Wenn man noch klein ist und keine eigenen Erfahrungen hat, ist man auf diese Erzählungen angewiesen. So entstehen im Kopf viele Bilder und Vorstellungen, und man fühlt sich automatisch mit diesen Erinnerungen verbunden.

Daraus kann sich ein Gefühl entwickeln, das schwer einzuordnen ist: Man spürt eine Verbindung zu einem Ort oder einer Geschichte, obwohl man selbst nie dort war. Gleichzeitig entsteht manchmal auch das Gefühl, anders zu sein oder zwischen zwei Welten zu stehen.

Man versucht, sich einzuordnen und zu positionieren. Und das ist ein widersprüchliches Gefühl. Einerseits möchte man dazugehören und genauso sein wie alle anderen. Andererseits bleibt dieses Gefühl, nicht vollständig dazuzugehören. Das ist weder gut noch schlecht – es ist einfach eine besondere Erfahrung.

Im Laufe der Zeit verändert sich dieses Gefühl. Bei mir persönlich ist es so, dass ich weniger einen konkreten Ort vermisse, sondern eher eine Zeit oder einen Zustand. Und ich weiß nicht genau, ob das gut oder schlecht ist.

Ich denke, das betrifft viele Kinder von Migranten. Sie wachsen mit der Nostalgie ihrer Eltern und Großeltern auf, sind reich an kulturellem Kontext, müssen sich aber gleichzeitig immer wieder selbst neu positionieren. Sie lernen früh, Unterschiede wahrzunehmen und flexibel damit umzugehen.

Es ist auf seine eigene Weise eine besondere und interessante Erfahrung, ein Kind von Migranten zu sein.


Dienstag, 7. April 2026

Eine wohltuende Auszeit

Ich habe mich auf Ostern vorbereitet – gebacken, kleine Dinge besorgt, alles wie immer verschenkt. Ich habe ein paar Menschen besucht, gelächelt, Gespräche geführt. Und trotzdem war da dieses Gefühl: Ich wollte einfach weg.

Ich hätte Freunde besuchen können, natürlich. Aber selbst das fühlte sich zu viel an. Ich wollte allein sein. Wirklich allein. Ruhe haben – nicht nur um mich herum, sondern auch in mir. Ich glaube, Menschen, die introvertiert sind und ständig von vielen Eindrücken umgeben sind, verstehen dieses Bedürfnis.

Ich war müde. Nicht körperlich, sondern innerlich. Zu viele Gedanken, die sich nicht leise stellen wollten. Und gleichzeitig diese seltsame Leere. Ich wollte nicht weit weg, aber weit genug, um wieder bei mir anzukommen.

Was macht man in so einem Moment? Man geht einfach. Ohne großen Plan. Ich bin zum Bahnhof gegangen, habe auf die Anzeigetafel geschaut – und mich treiben lassen. Ein paar Stunden später war ich an einem anderen Ort. Genau das habe ich gebraucht: Abstand. Keine Stimmen, keine Erwartungen, kein ständiges Erreichbarsein. Nur ich.

So bin ich für zwei Nächte in einem kleinen Spa-Hotel im Schwarzwald gelandet. Es war spontan, vielleicht auch etwas teuer – aber genau richtig. Und obwohl es ein Spa-Hotel war, ging es mir gar nicht um Wellness. Es ging darum, bei mir selbst anzukommen.

Ich habe nichts gemacht. Und genau das war alles. Ich war draußen, viel draußen, in der Natur. Beim Wandern hatte ich nicht einmal das Bedürfnis, Fotos zu machen, etwas zu posten oder mit jemandem zu kommunizieren. Ich war einfach da – still, präsent, ganz bei mir. Langsam wurde es ruhiger in mir.

Auf dem Rückweg habe ich noch meine Freundin in Baden-Baden besucht. Ein Abendessen dort tut immer gut. Wir haben gelacht. Sie kennt mich – sie weiß, dass ich manchmal Abstand brauche. Und so war es wieder in Ordnung.

Jetzt bin ich zurück. Morgen beginnt wieder der Alltag. Aber etwas ist anders – ein kleines Stück mehr bei mir selbst.

Es war ein schönes, langes Wochenende.:)


Sonntag, 15. März 2026

Dienstagabend mit Jarmusch



Es gibt Filmemacher, bei denen man einfach weiß: Das wird ein guter Abend. Kein Zweifel. Kein großes Nachdenken. Man geht einfach hin.

So ging es mir auch, als ich gesehen habe, dass ein neuer Film von Jim Jarmusch im Kino läuft.

Ein paar Nachrichten verschickt, ein paar Menschen gefragt, für die dieser Name auch etwas bedeutet. Und so saßen wir am Dienstagabend im Kino. Erst zu zweit, dann zu dritt, dann zu viert – und wie das oft bei solchen Abenden ist, kamen spontan noch ein paar Leute dazu. Im Kino selbst haben wir natürlich auch noch ein paar Bekannte getroffen.

Ich persönlich mag kein Popcorn im Kino. Die anderen schon. Sie haben es sich gemütlich gemacht: Popcorn, Getränke – und tatsächlich sogar Wein.

Der Saal war halb leer. Eine angenehme Leere. Man sitzt zusammen und hat trotzdem Raum für sich.

Und dann begann der Film: Father Mother Sister Brother.

Drei kleine Geschichten über drei Familien. Drei Länder. Drei verschiedene Lebensrealitäten. Und doch geht es immer um das Gleiche: um Nähe, um Distanz, um das, was Menschen miteinander verbindet – und manchmal auch voneinander trennt.

Ganz typisch für Jarmusch: ruhig erzählt, mit langen Blicken, kleinen Gesten und Momenten, in denen scheinbar nichts passiert – und doch alles gesagt wird. Keine großen Dramen, keine lauten Effekte. Nur Menschen. Beziehungen. Leben.

Einfach, menschlich, still – und gerade deshalb so nah an der Realität. Ich habe den Film genossen. 

Aber eigentlich endete der Abend nicht mit dem Film.

Neben dem Kino gibt es ein kleines Café. Es gehört einer Bekannten. Ein Ort, an dem immer jemand sitzt, den man kennt – oder jemanden kennenlernt.

Das Café war voll. Trotzdem haben wir noch einen Tisch gefunden.

Und da saßen wir dann: ein paar alte Bekannte, ein paar neue Gesichter:  Künstlerinnen, die gerade ihre Ausstellungen vorbereiten und darüber auch erzählten. Menschen, die diskutieren, lachen, erzählen.

Wir waren laut. Wir waren fröhlich. Und wir waren uns einig: Der Film war schön. Einer von diesen Filmen, die etwas mit der Stimmung machen. Nicht spektakulär – aber irgendwie wohltuend.

Am Nebentisch wurde noch über einzelne Szenen diskutiert. Über Beziehungen. Über das, was im Film nur angedeutet wird.

Ich habe zugehört, gelächelt und meinen Tee getrunken. Und gedacht:

Manchmal ist es genau das – ein Film, ein paar Menschen, ein volles Café – was einen Abend besonders macht.

Und ja, solche Abende bleiben in Erinnerung. Es war schön. 

Jobs, die ich während meines Studiums in Deutschland gemacht habe

Wenn man in ein neues Land kommt, führt der Weg zum Traumberuf meistens nicht direkt ans Ziel. Natürlich gibt es viele verschiedene Wege, un...