Wenn man in ein neues Land kommt, führt der Weg zum Traumberuf meistens nicht direkt ans Ziel. Natürlich gibt es viele verschiedene Wege, und wahrscheinlich hätte ich manches auch abkürzen können. Ein Anruf nach Hause hätte gereicht, und finanzielle Unterstützung wäre da gewesen. Aber ich bin wegen meiner Freiheit nach Deutschland gekommen. Ich wollte mir selbst – und wahrscheinlich der ganzen Welt – beweisen, dass ich alleine etwas erreichen kann.
Besonders reizvoll fand ich die Freiheit, mich unabhängig bewegen und Entscheidungen treffen zu können, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.
Bereits in meiner zweiten Woche in Deutschland habe ich angefangen zu arbeiten. Während des gesamten Studiums haben wir nebenbei gearbeitet. Unser Vorteil? Wir waren jung, hatten viel Ausdauer und wussten bei jeder Tätigkeit, dass sie irgendwann wieder vorbei sein würde.
Ich werde nicht alle Jobs aufzählen, sondern nur einige, an die ich mich besonders gut erinnere.
1. Straßenfeste
Das war überhaupt mein erster Job. Ich wurde als Getränkeverkäuferin eingestellt. Da ich aber den Dialekt überhaupt nicht verstand und die Realien des , konnte ich viele der Getränke, die ich verkaufen sollte, nicht einmal benennen. Nach etwa einer Stunde stand ich deshalb schon in der Küche und spülte Geschirr.
2. Gastronomie
Wie viele Studierende habe auch ich in der Gastronomie gearbeitet. Allerdings wollte und konnte ich nie als Bedienung arbeiten. Ich war nicht freundlich genug für diesen Job, und Kopfrechnen gehörte noch nie zu meinen Stärken. Deshalb habe ich fast immer in der Küche oder hinter der Bar ausgeholfen.
An kuriose Situationen erinnere ich mich bis heute. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich angeschrien. Zunächst verstand ich nicht einmal, dass ich gemeint war. Mein Chef regte sich darüber auf, dass ich zu viel Sahne auf die Teller verteilt hatte. Als ich schließlich begriff, dass er mit mir sprach, bin ich einfach gegangen.
Ein anderes Mal wurde ich schlechter bezahlt als vereinbart. Ich habe mich zwar mit dem Arbeitgeber gestritten, zu Hause aber trotzdem geweint.
3. Versandhaus
Dort haben wir Kleidung sortiert, im Lager gearbeitet und Bestellungen vorbereitet.
Einmal habe ich verschlafen. Da ich sehr pflichtbewusst war und mir keine andere Lösung einfiel, bin ich mit dem Taxi zur Arbeit gefahren. Ich kam pünktlich an, aber ich glaube, selbst die Chefs des Versandhauses fuhren nur selten mit dem Taxi zur Arbeit. Entsprechend erstaunt wurde ich angeschaut.
4. Deutsche Post
Bei der Deutschen Post habe ich Nachtschichten gearbeitet. Um acht Uhr morgens saß ich entweder bereits in einer Vorlesung oder begann meinen zweiten Job.
Wir sortierten Briefe, bedienten riesige Maschinen und ordneten die Sendungen nach Postleitzahlen. Gegen fünf Uhr morgens durfte man sich hinsetzen und die Briefe manuell sortieren.
Vor Müdigkeit haben wir entweder gelacht oder sind direkt am Arbeitsplatz eingeschlafen.
5. Nachbarschaftshilfe
Diese Tätigkeit habe ich nur für eine begrenzte Zeit ausgeübt, meist an Wochenenden.
Vor oder nach der Pflege bereitete ich den Menschen Frühstück zu, unterhielt mich mit ihnen und half bei kleinen Alltagsaufgaben. Vor jedem Einsatz wusste ich nie, zu wem ich geschickt werden würde. Die Arbeit erforderte enorme Flexibilität, Ausdauer und Freundlichkeit.
Eine ältere Dame mochte mich besonders gern und bat immer wieder darum, dass ich zu ihr komme. Sie war klein, sehr dünn, hochintelligent und vom Leben gezeichnet.
Ich bereitete ihr das Frühstück zu, und anschließend saßen wir oft draußen in ihrem großen Garten und unterhielten uns über Kunst. An diese Gespräche erinnere ich mich bis heute.
6. Nachhilfeunterricht
Ich habe Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Fächern unterstützt. Dabei habe ich gelernt, dass Geduld oft wichtiger ist als Fachwissen. Es war schön zu sehen, wie Kinder Fortschritte machten und mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickelten.
7. Putzen
Auch als Reinigungskraft habe ich gearbeitet.
Das Besondere war, dass ich in vielen Wohnungen eines Wohngebiets tätig war. Manchmal arbeitete ich sogar bei Nachbarn, ohne dass diese voneinander wussten. Viele dieser Menschen sind inzwischen verstorben, mit einigen wenigen bin ich bis heute in Kontakt.
Besonders gut erinnere ich mich an eine Frau, die unglaublich elegant und kultiviert war. Ich war alle zwei Wochen etwa fünf Stunden bei ihr. Sie deckte mir immer den Tisch, backte Kuchen, und wir verbrachten oft fast eine Stunde damit, uns zu unterhalten.
Als ich mein Studium beendet hatte, beendete ich auch all diese Tätigkeiten und begann, mich beruflich weiterzuentwickeln.
Heute denke ich manchmal, dass man sich diesen Weg vielleicht hätte leichter machen können. Damals schien er mir jedoch der einzige Weg zu sein, unabhängig zu sein.
Ich war immer flexibel, habe Menschen respektiert und wollte ständig etwas Neues lernen und erleben.
Rückblickend war es eine anstrengende, aber auch unglaublich interessante Zeit. :)

