Freitag, 1. Mai 2026

Der 1. Mai

Der erste Mai ist ein besonderer Tag in unserer Familie. An diesem Tag wird gefeiert: Mein Vater hat Geburtstag, und das bedeutet meistens, dass das Haus voller Menschen ist. Freunde, Familie, Nachbarn – bei uns war immer etwas los. Zum Glück war es auch dieses Jahr wieder so.

Mein Vater ist ein besonderer Mensch. Nicht, weil er berühmt wäre, sondern weil er zu den Menschen gehört, die von anderen aufrichtig geliebt werden.

Er stammt aus einem kleinen Dorf. Meine Großeltern bauten Gemüse an. Das Leben war einfach, geprägt von harter Arbeit und traditionellen Werten. Mein Vater wollte jedoch immer mehr sehen, mehr erleben. Er träumte von einem anderen Leben, von einer größeren Stadt und neuen Möglichkeiten. Er verließ sehr früh seine Heimat, heiratete und zog eine eine schöne Stadt im Süden um. 

Meine Eltern waren jung, als sie heirateten. Es war ein klassischer Lebensweg unserer Kultur: Der Mann arbeitete, die Frau blieb zu Hause. Meine Mutter war Hausfrau – nicht unbedingt, weil sie es selbst unbedingt wollte, sondern weil es damals bei uns nicht üblich war, dass Frauen arbeiten gingen. Das war kulturell geprägt und für viele Familien selbstverständlich.

Mein Vater war und immer noch  voller Lebensfreude. Er hat diese besondere Fähigkeit, das Leben zu genießen und selbst kleine Dinge groß wirken zu lassen. Er träumt nicht nur, er versucht auch, seine Träume wahr werden zu lassen. Ständig hatte er neue Ideen: Autos, die er umbaute, große Fußballspiele mit Freunden im Stadion, spontane Reisen oder riesige Partys. 

Ich erinnere mich auch an unser erstes Auto. Nichts Besonderes, klein und unscheinbar. Aber als mein Vater damit nach Hause kam, war er so stolz und glücklich, dass diese Freude sofort auf uns überging. Wir durften mitfahren, jubelten auf den Rücksitzen und waren überzeugt, im schnellsten Auto der Welt zu sitzen. Wir schrien: „Papa, schneller!“ – und er lachte nur und gab noch mehr Gas. In solchen Momenten war er selbst wie ein Kind.

Mein Vater beherrscht die Kunst, Kontakte zu knüpfen und Menschen miteinander zu verbinden. Dadurch waren wir überall eingeladen. Ich hatte das Glück, die meisten Veranstaltungen mit einer Einladung besuchen zu dürfen 

Selbst in schweren Zeiten organisierte er große Feiern und brachte die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch zusammen. Bei uns saßen einfache Nachbarn neben angesehenen Beamten oder bekannten Persönlichkeiten der Stadt. Alle lachten zusammen, alle fühlten sich willkommen. Mein Vater hat diese seltene Gabe, Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören.

Später, als es ihm finanziell besser ging, half er vielen Menschen. Oft wussten wir als Familie gar nichts davon, weil er nie damit prahlte. Erst Jahre später erfuhren wir davon. Irgendwo begegnete uns jemand und fragte plötzlich: „Bist du die Tochter von …? Dein Vater hat uns damals geholfen.“ So erfuhren wir nach und nach, dass er Familien unterstützte, Schulen mitfinanzierte oder sogar Krankenhäusern geholfen hat.

Von meinem Vater habe ich und meine Schwester viele Werte gelernt: Freundschaft, Bodenständigkeit, Respekt vor anderen Menschen und die Fähigkeit, das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Er vermittelt diese besondere Einfachheit, ohne dabei selbst einfach zu sein. Gleichzeitig zeigt er uns, dass nichts für immer bleibt und man dankbar für die kleinen Momente im Leben sein sollte.

Er ist ein sehr traditioneller Mann. Ein Mensch mit konservativen Vorstellungen, in denen Männer oft die dominante Rolle einnehmen. Und ich bin diejenige, die genau das immer wieder hinterfragte und dagegen "still" rebellierte. Obwohl ich meinen Vater sehr liebe, ging vor vielen Jahre ich meinen eigenen Weg.

Mein Vater war immer eine Art Sicherheit für uns. Vielleicht nicht immer körperlich präsent, aber emotional war er immer da. Man hat das Gefühl: Solange mein Vater da ist, wird irgendwie alles gut. 

Mein Vater hat auch viel Humor. Wir lachen viel, wenn wir zusammen sind. 

Ich erinnere mich an einen Moment auf dem Markt. Wir waren noch klein. Meine Mutter läuft ein Stück vor uns, plötzlich ruft mein Vater laut ihren Namen. Der ganze Markt dreht sich um. Dann schreit er quer über den Platz: „Liebst du mich?“ Alle Menschen lachen. Meine Mutter schreit zurück: „Ja, sehr!“ Und er grinst zufrieden wie ein kleiner Junge.

Meine Eltern lieben sich. Meine Mutter hat ihm vieles verziehen, und mein Vater liebt sie auf seine Weise ebenfalls – chaotisch, manchmal kompliziert, aber immer ehrlich.

Kurz nach der Corona-Zeit erfuhren wir, dass mein Vater krank ist. Meine Schwester und ich haben lange geweint. Irgendwann kommt  plötzlich diese Angst: die Angst, diese Sicherheit, die mein Vater immer ausstrahlte, zu verlieren. Erst in solchen Momenten versteht man wirklich, wie sehr die eigenen Eltern das Fundament des eigenen Lebens sind. Ich und meine Schwester haben dann beschlossen, nicht mehr zu heulen. Das gehört auch zum Leben. Und mein Vater mag es auch nicht irgendwie bemitleidet  zu werden. Er genießt sein Leben weiter, trifft sich mit Freunden, trinkt Alkohol, raucht und fährt viel Auto. 

Und wir werden selbstverständlich für unsere Eltern da sein, so wie sie immer für uns da waren und sind. 

Eigentlich ist mein Vater ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und gleichzeitig einer dieser seltenen Menschen, die Spuren im Leben anderer hinterlassen.

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